Posts mit dem Label Kultur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kultur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 22. April 2010

Strickopathen in Paris

Wer meint, dass Stricknadeln allenfalls zu gemütlichen Großmütterchen passen, wird gerade in Paris eines Besseren belehrt. Die "Strickopathinnen", drei Dreißigjährige Künstlerinnen, die sich als "Psychopathinnen des Strickens" ausgeben, gestalten Straßenkunst aus Maschen. Die drei Pariserinnen hatten sich im Internet getroffen und das "Collectif France tricot" begründet, das regelmäßig zu Flashmobs oder Salons mit Nadeln und Wolle aufruft. Die Pionierin der französischen Strickszene lebt jedoch in Berlin. Die Sängerin und Multikünstlerin Francoise Cactus hatte 2005 mit der Strickpuppe Wollita, die sie auf einer Ausstellung vorstellte, die lokale Boulevardpresse in höchste Erregung versetzt. Die BZ schrieb von einem "Skandal". Wollita ist seither Kult. Vive la maille!

Freitag, 20. November 2009

Tizian, Rembrandt, Ensor - drei wunderbare Gemälde-Ausstellungen in Paris


Sie bekämpften sich mit dem Pinsel. Wenn es aber um Großaufträge ging, arbeiteten sie mit Zuträgern, Bestechungen und sogar Spionage. "Tizian, Tintoretto, Veronese. Rivalitäten in Venedig" heißt eine empfehlenswerte aktuelle Ausstellung im Louvre, die noch bis zum 4. Januar den Wettstreit der drei berühmten venezianischen Maler im 16. Jahrhundert illustriert. 85 Gemälde aus Museen in aller Welt sind in Paris versammelt. Highlights der Ausstellung sind unter anderem die Werke Susanna im Bade" von Tintoretto, Tizians Porträt von Ranuccio Farnese und das von Veronese angefertigte Porträt des Bildhauers Alessandro Vittoria aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art. Unter den Porträts befindet sich auch das Bildnis des Dogen Francesco Venier von Tizian.
1533 wurde Tizian Hofmaler Kaiser Karls V., 1545 war er für den Papst in Rom tätig, und in seiner Spätzeit stand er im Dienste Philipps II. Mit seinen idealisierten und doch erstaunlich lebensnahen Porträts von Dogen und Patriziern der Republik Venedig setzte er neue Maßstäbe in der Malerei. Sie inspirierten die nachfolgenden Malergenerationen, auch Tintoretto und Veronese, wie man anhand der Frauenbilder, Bibelszenen und Darstellungen der Mythologie gut nachvollziehen kann.
Tintoretto (1518-1594), der fast 30 Jahre später geboren wurde als der berühmte Tizian (1487-1576) und zehn Jahre früher als Veronese (1528-1588) beherrscht das Malen von Perspektiven und extremer Raumtiefe. Veronese war für seine dekorativen Kompositionen bekannt. Bei beiden lässt sich die Nähe zum Vorbild Tizian ablesen.
Die Kuratoren der Ausstellung beschreiben auch den Wettlauf der drei Künstler um Großaufträge. Um die Malerei in der Scuola Grande di San Rocco gestalten zu können, besorgt sich Tintoretto im Voraus die Ausschreibungsunterlagen, um das beste Angebot abgeben zu können. Tizian arbeitete am Hof und bei Sammlern und Kunstkritikern gegen ihn und protegierte Véronèse. Tintoretto reagierte mit Dumping-Preisen, um dennoch ins Geschäft zu kommen.
Zwei weitere empfehlenswerte Ausstellungen sind derzeit in der französischen Hauptstadt zu sehen: in der Pinakotek (place de la Madeleine) ist das "Goldene Zeitalter der Niederlande" in Bildern von Rembrandt bis Vermeer zu besichtigen (bis zum 7.Februar).
Dem größten belgischen Maler des vergangenen Jahrhunderts, James Ensor widmet das Musée d´Orsay eine Ausstellung. Ensor lebte von 1860 bis 1949 in Oostende, wo heute noch sein Wohnhaus und Werke zu besichtigen sind. Lange erfuhr der grandiose Maler ausgerechnet in seiner Heimat nur wenig Wertschätzung. Er war seiner Zeit weit voraus. Als in Paris die Impressionisten lieblich tüpfelten, wagte er bereits schreiende Farben und expressive Formen. In seinen Werken schuf er ein bizarres Universum von Totenmasken und Skeletten, mit denen er seine Kritik an herrschenden Verhältnissen formulierte. Absolut sehenswert!!!

Freitag, 25. September 2009

Das Geheimnis der kleinen Riesin

Die charmanteste Figur der französischen Compagnie Royal de Luxe, die kleine Riesin, erblickte 2005 das Licht der Welt. Riesinnen sind schon mit einem Jahr ausgewachsen und so hatte sie 2006 ihren ersten Auftritt in London in dem Stück "Der Besuch des indischen Sultans auf seinem Zeitreiseelephanten". Die Londoner erlagen ihrem Augenzwinkern und im Jahr darauf bekam sie gleich zwei Engagements. In Chile trat sie mit einem Rhinozeros auf. In Island jubelte ihr das Publikum 2007 beim Stück der Geysir von Reykjavik zu. 2009 spielte sie in einem Stück in ihrer Heimatstadt mit dem Tiefseetaucher mit, bevor sie nach Berlin kam.
Dort ist sie in einem Hangar des Flughafens Tempelhof untergebracht und übt im Moment mit ihren Liliputanern das Laufen. Ganz allein geht das nicht, wenn man 7,5 Meter misst und 13,5 Tonnen auf die Wage bringt. Ihr Körper besteht übrigens aus 500 Kilogramm Stahl, Hände und Kopf aus 300 Kilogramm Pappel- und Lindenholz. Die Haare stellte ein Perückenmeister aus 50 Pferdeschweifen her. Ihre Augen waren einmal die Glaskörper von Straßenlaternen, die Wimpern Besenhaare. Ihr Verwandter, der große Riese, fiel bereits 1993 vom Himmel (im gleichnamigen Stück).
In Berlin wird die kleine Riesin am 2. Oktober vom Bürgermeister empfangen und braust dann mit ihrem Boot durch die Stadt. Dabei hat sie einen Sack geheimnisvoller Briefe, die sie unbedingt an die Empfänger übergeben will. Es sind die Kopien von Schreiben, die einst die Stasi abgefangen hatte.
Foto: Royal de luxe
Kleine Riesin in London

Montag, 21. September 2009

Kleine Riesin überwindet die Mauer - Französisches Straßentheater in Berlin

Die Hauptdarstellerin des Spektakels misst fast acht Meter und bringt 750 Kilo auf die Wage. Unter ihrem grünen Kleid versteckt sich ein Feldhäckseler als Fortbewegungsmittel, das sie durch die Straßen von Berlin rollt. Vom ersten bis zum vierten Oktober durchstreift die Kleine Riesin Berlin. Dann macht die französische Straßentheatercompagnie Royal de Luxe die Straßen der Hauptstadt zur Bühne für ein viertägiges Schauspiel. Die Inszenierung ist der kulturelle Höhepunkt der Feierlichkeiten zum Jubiläum des Mauerfalls. Und natürlich geht es auch in dem Stück "Die kleine Riesin, die Mauer und der Tiefseetaucher" um das historische Ereignis.
Jean-Luc Courcoult, der Chef der Compagnie, hat ein Märchen für Berlin geschrieben. Vor langer langer Zeit bevölkerten noch Riesen die Gegend, bis Tiefseeungeheuer die Stadt entzweirissen. Und auch die kleine Riesin verlor sich auf den Weltmeeren, doch als die Mauern einstürzen, macht sie sich auf den Weg und sucht ihren Onkel, den großen Riesen.

Am zweiten Oktober macht sich die kleine Riesin am  Morgen vom Rathaus aus auf den Weg durch die Stadt. Am Humboldthafen entsteigt ein noch größerer Koloss der Spree: der 15 Meter große Tiefseetaucher, der Onkel der kleinen Riesin. Beide irren durch die Stadt bis die Suche ein glückliches Ende nimmt. In den vergangenen Jahren waren die beiden Giganten schon in London und Santiago de Chile im Einsatz und begeisterten die Massen. "Ich habe immer diesselben Darsteller, die ein jeweils eigenes Stück spielen", erklärt der Chef der Truppe.
Zwei bis drei Jahre dauert die Realisierung eines solchen Straßentheaters. Derzeit setzt die Compagnie die beiden Schauspieler in einem Hangar des Flughafens Tempelhof aus ihren Einzelteilen zusammen.
In Frankreich ist die Straßentheatergruppe längst eine Legende. 1978 hatte Courcoult sie mit Freunden in Aix-en-Provence gegründet, zog einige Jahre durch den Süden und 1989 durch Nantes. Ein Jahr später eröffneten sie das Theaterfestival von Avignon mit ihrer "wahren Geschichte Frankreichs". Auch dieses Stück war bereits auf dem Schlossplatz zu Gast. Im vergangenen Jahr hatten die Künstler in den Schaufenstern des KaDeWe die Revolte der Mannequins inszeniert.

Fotos: Albrecht Gruess