Freitag, 9. Oktober 2009

“Je suis un ouvrier du journalisme”

Was ist eigentlich ein "pigiste", fragt der Journalistenverband DJV auf seiner Seite. Übersetzt ist ein Pigist so etwas wie ein Pauschalist in deutschen Medien,
allerdings gelten in Frankreich ganz eigene arbeitsrechtliche Bestimmungen. Während der Pauschalist in Deutschland meist selbstständig ist, hat ein Pigiste ähnliche Konditionen wie ein Festangestellter. In Deutschland kann es attraktiv sein, ganz frei zu arbeiten. In Frankreich sind die Honorarsätze wesentlich niedriger. Ein Pigiste der Dauphiné beschreibt hier seine Arbeitsbedingungen:
“Je suis un ouvrier du journalisme”

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Mademoiselle Vromant und ihr unglaubliches Testament

Die gebrechliche alte Dame mit dem weißen Regenmantel und den beiden Stöcken lebte Zeit ihres Lebens sehr bescheiden in ihrer kleinen Wohnung in Dieppes in Nordfrankreich. Niemand wusste, dass Jeannine Vromant sehr wohlhabend war, bis nach ihrem Tod. Denn in ihrem Testamant hat sie 200 Erben bedacht, von denen jeder 1500 Euro aus ihrem Vermögen erhalten soll. "Sie hat die Menschen bedacht, denen sie sich nahefühlte oder deren liebevolle Art ihr gegenüber sie geschätzt hatte", sagt ihr Notar, in dessen Büro sie früher einmal als Immobilienmaklerin gearbeitet hatte.
Mehrere Jahre lang arbeitete die alte Dame an einer Liste der guten Menschen, die sie bedenken wollte. Sie setzte alle Busfahrer der örtlichen Verkehrsgesellschaft als Erben ein. "Ich bin fast blind und fast alle Busfahrer waren so liebenswürdig, neben mir anzuhalten, wenn sie mich sahen. Nochmals Danke an sie", schrieb sie an "mes petits chauffeurs" und setzte noch hinzu: "Falls sich jemand nicht an mich erinnert: Ich war die alte Dame mit den beiden weißen Stöcken und dem weißen Regenmantel".  Auch ihre Fleischverkäuferin, Krankenschwestern, Arzthelferinnen, Verwaltungsmitarbeiter und die Kinder ehemaliger Kollegen hat sie aufgeführt, ebenso wie eine wiederentdeckte Großcousine.
Nahe Verwandte besaß die 1922 geborene alte Dame nicht. Sie war nie verheiratet und hatte keine Kinder. Ihr Vermögen erbte sie von ihrem Vater, einem Unternehmer. Sie selbst lebte bescheiden in einer winzigen Wohnung in einem ärmlichen Viertel. 2004 hatte sie ihre Liste abgeschlossen und hinterlegte sie bei dem Notar. Der nach dem Tod der 86-Jährigen die vielen Namen und welche Arbeit auf ihn zukommt. Denn in einigen Fällen waren längere Recherchen nötig, um den richtigen Adressaten zu finden. Bislang sind 120 der  liebenswürdigen Bekanntschaften gefunden, nach den anderen sucht der Notar noch.

Dienstag, 6. Oktober 2009

Die Rückkehr des Meeres am Mont Saint Michel

Wie eine Fata Morgana ragt der sagenumwobene Berg aus dem Wattenmeer empor. Der Mont Saint Michel vor der normannischen Küste ist die berühmteste Sehenswürdigkeit Frankreichs, noch vor dem Eiffelturm. Doch der Straßendamm, der zur Unesco-Weltkulturerbestätte führt, hat in das Ökosystem der Bucht erheblich eingegriffen und ließ den Berg mehr und mehr versanden. Nur noch selten wird er heute vom Meer umtost, wie es die Sagen und viele Schriftsteller von einst beschreiben. Deshalb haben die Region und die benachbarten Kommunen beschlossen, die Bucht zu renaturieren. Vor zwei Wochen öffnete ein neuer Staudamm, der den Klosterberg in den kommenden Jahren freispülen soll und das Watt in Watt verwandeln. Bei Flut soll dieser Damm die Schleusen öffnen und das Meerwasser  bis in den Unterlauf des Flusses Couesnon fließen. Danach bleiben die Schleusen bis zur Ebbe geschlossen, um dann die Wassermassen in die Bucht tosen zu lassen. Sie sollen in den nächsten Jahren die angelagerten Sedimente wegspülen und dem Berg seine ursprüngliche Schönheit wiedergeben. Auch der Straßendamm und der Parkplatz verschwinden. Pferdefuhrwerke sollen künftig die Besucher zur Insel fahren.
Immerhin drei Millionen Touristen strömen jährlich zum "Wunder des Abendlandes".
Schon im Jahr 708 soll das erste Kirchlein auf dem Eiland gebaut worden sein. Eine Sturmflut hatte der Küste das kleine Erdzipfelchen entrissen und der dort regierende Erzbischhof von Avranches bekam nächtlichen Besuch vom Erzengel Michael, der sich dort eine Kirche wünschte. Er musste allerdings ein zweites Mal erscheinen und dem Bischhof einen glühenden Finger an den Schädel stoßen, um seinen Wunsch erfüllt zu sehen. Die heutige weit sichtbare Abteikirche entstand im 11. Jahrhundert, bis ins 18. Jahrhunder wurde das Ensemble aus Kirchen und Wohngebäuden zu seiner heutigen Form vervollständigt. Die Benediktiner siedelten auf der Insel ihr Kloster an, das bis zur révolution francaise dort bestand. Millionen von Pilgern wateten durch das Watt zur heiligen Stätte. Nach 1789 wurde das Eiland Staatsgefängnis und später für den Tourismus entdeckt.
Mittlerweile lebt wieder eine kleine Kostergemeinschaft der "Brüder und Schwestern von Jerusalem" auf der Insel neben rund 40 ständigen Einwohnern. Die Souvenirläden und Restaurants in den mittelalterlichen Straßen gehören drei Großfamilien, die an den Besucherströmen prächtig verdienen. Eine Alternative ist ein Besuch in der Klostergemeinschaft (Link ins Kloster), allerdings nur für Frühaufsteher, die um 6.30 zur Messe gehen und tagelang schweigen können.

Montag, 5. Oktober 2009

Nuit blanche in Paris















Eine "nuit blanche" zu verbringen, bedeutet so viel, wie die Nacht zum Tage zu machen. Der Ausdruck kann vermutlich auf die Tempelritter zurückgeführt werden, schreibt zumindest Wikipedia: (Bedeutung). Mittlerweile steht der Begriff jedoch für ein Kulturereignis, das Paris seit 2002 einmal im Jahr erleuchtet, so wie am vergangenen Wochenende. Lichtkünstler erschaffen die erstaunlichsten Impressionen inmitten der Nacht und bis man die alle angesehen hat, ist die Nacht auch schon wieder vorbei. 30 offizielle Lichtinstallationen und 60 weitere Kunstprojekte waren in diesem Jahr zu sehen - zum Beispiel eine überdimensionierte strahlende Kugel über dem Jardin du Luxembourg oder ein hügeliges Fußballfeld, dass aussah, wie aus dem Elfenreich. Über eineinhalb Millionen Besucher sahen sich die Kunstwerke an. Mehr dazu im Netz: La nuit Blanche sur internet
Foto: Marie de Paris

Samstag, 3. Oktober 2009

Mit der Riesin durch die Stadt


In einem Liegestuhl schlummert die kleine Riesin vor sich hin, nur ihr Mund öffnet sich gelegentlich und man meint ein leichtes Schnarchen zu hören. Dann ein erstes Blinzeln, bevor sie schließlich geweckt wird. Sie zu bewegen, ist wesentlich schwieriger, als einen Airbus zum Abheben zu bringen. Der braucht schließlich nur einen einzigen Piloten. Für die kleine Riesin sind 20 Puppenspieler im Einsatz.


Eine Regisseurin gibt die Kommandos nach denen die Strippen an die verschiedenen  Körperteile angeschlossen: die Hüften, die Schultern, der Kopf, die Ellebogen, die Knie, die Knöchel, die Hände.
Kurz hintereinander verliest sie sämtliche Körperteile, mit schnellen und wohl schon vielfach geübten Griffen stecken die Puppenspieler nacheinander die Verbindungen an.


Ein wenig taumelig erhebt sich die Riesin, klimpert noch schläfrig mit den Augen und wird dann per Kran unter die Dusche gehoben. Es sieht wirklich menschlich aus, wie sie mit den Händen ganz gründlich die Haare wäscht.

Um diese Bewegungen zu vollführen, müssen die Puppenspieler springen, rennen, sich strecken und blitzschnell auf dem Gerüst hin- und herklettern. Zwei von ihnen tragen die Riesenschuhe, die sie zu fünft mit Söckchen an die Riesenfüße ziehen.

 


 Das Laufen verlangt eine enorme Koordination. Die Regisseurin ruft den Puppenspielern Fuß links, Fuß rechts und die Bewegungen der einzelnen Gliedmaßen in schneller Folge zu. Helfer gehen voran und versuchen, die Straße frei zu bekommen. Es geht vorbei an dem Geysir, der unter den Linden schlummert.

Eine kleine Gymnastikstunde steht auf dem Programm, mehrere kleine Ruhepausen. In der Friedrichstraße nimmt die Riesin auf einem Autodach Platz und wird eine längere Strecke gefahren. Dann darf sie Boot fahren. Danach gibt es einen Lutscher, den sie mit eigener Hand an den Mund führt. Fünf Puppenspieler ziehen an den Strippen, damit die Riesin greifen, den Lutscher zum Mund heben und daran lecken kann. Gleichzeitig atmet sie und zwinkert.
Ein Kran liftet sie einige Meter weiter auf ihr Schiff, das auf einem Tieflader befördert wird....und sie verschwand aus meinen Augen.

Nachmittags fand sie vor dem Brandenburger Tor ihren Onkel wieder und umarmte ihn. Gesehen habe ich es leider nur im Fernsehen. Wegen der Terrordrohungen war alles abgezäunt und als ich mit etwas Verspätung ankam, hörte ich nur die Ansage, dass "alle Kontrollstellen wegen Überfüllung geschlossen sind".

Freitag, 2. Oktober 2009

Nazijägerin Beate Klarsfeld - Verfilmung auf Arte

Das Leben schreibt die besten Thriller, beispielsweise das von Beate und Serge Klarsfeld. Arte zeigt heute um 21 Uhr die verfilmte Lebensgeschichte der Nazijäger mit Franka Potente und Yvan Atal.
Beate Klarsfeld wurde bekannt, als sie am 7. November 1968 den damaligen Bundeskanzler Kiesinger ohrfeigte. Damit hatte sie gegen die Rückkehr aktiver Nazis auf wichtige Posten und die damals kaum reflektierte Vergangenheit protestieren wollen. "Nazi Kiesinger Rücktritt", schrie sie medienwirksam.
Bis damals gab es kaum eine Aufarbeitung des Holocaust in Deutschland, mit Kiesinger war sogar ein aktiver Nazi zum Bundeskanzler gewählt worden. Auch in Frankreich blieb die große Aufklärung aus, schließlich pflegte man wieder freundliche Beziehungen.
Beate Klarsfeld, die 1939 in Berlin geboren wurde, lebt seit 1960 in Frankreich. Dort trifft sie ihren späteren Mann Serge, dessen Vater deportiert wurde und erfährt von den unbehelligt in Südamerika lebenden Naziverbrechern. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach dem Schlächtervon Lyon, Klaus Barbie, der 1983 nach zwölf Jahren nach Frankreich ausgeliefert und verurteilt wird. In den 70er Jahren wurden zwei erfolglose Bombenattentate auf die Nazijägerin verübt. Das Foto von der Ohrfeige hängt heute im Deutschen Historischen Museum in Bonn, die Nazijäger haben für ihre Arbeit den "Ritter der Ehrenlegion" erhalten.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Riesenhaftes Straßentheater von Royal de luxe ab morgen in Berlin

Die Riesen sind da. Am Schloßplatz sprudelt schon der Geysir, der von ihrer Ankunft kündet. Hier das Vorzeichen. Noch trainieren die beiden Hauptdarsteller in einem Flughafenhangar. Morgen um zehn wird die kleine Riesin am Roten Rathaus erwartet. Sie spaziert dann zum Bebelplatz und am Nachmittag von dort zum Lustgarten. Es ist ein Ereignis, das man nicht verpassen sollte. Die aus recycleten Materialien gefertigten Marionnetten sind wahre Kunstwerke, die sich trotz ihrer Größe unglaublich natürlich bewegen können. Dabei sind allein das Laufen, das Eisschlecken oder Wimpernklimpern logistische Meisterleistungen von mehreren Dutzend Lilliputanern. Dazu kommen noch weitere spektakuläre Aktionen wie Bootsfahrten oder die Umarmung der siebeneinhalb Meter hohen Kleinen Riesin mit dem doppelt so großen Tiefseetaucher am Sonnabend am Brandenburger Tor.
Hier sind die Karten für Riesen-Beobachter:
Karte für Riesenverfolger