Montag, 28. September 2009

Der französische Blick auf das deutsche Wahlergebnis


Die Bundestagswahlen in Deutschland sind auf der "Une", also der ersten Seite, der meisten französischen Tageszeitungen und in den Internetangeboten. Von einem "getrübten Sieg" für Angela Merkel schreibt lemonde.fr und analysiert die neue politische Gemengelage. Angesichts der erstarkten FDP und der Opposition dreier linker Parteien sei die Kanzlerin nicht in einer Position der Stärke und ob sie nach ihrem Linksruck zur radikalen Liberalen werde, sei fraglich. Die SPD muss sich neu erfinden, empfiehlt Frankreichs größte Tageszeitung in einem weiteren Artikel den Wahlverlierern.
Le Figaro widmet sich den Gewinnern "Die deutschen Liberalen sind im Aufwind" heißt es. Paradoxerweise habe ausgerechnet in der Wirtschaftskrise eine liberale Partei gewonnen, die allerdings die soziale Marktwirtschaft verteidige. Während die Regierung Milliarden für Banken oder Autohersteller bereitgestellt habe, habe die FDP mit ihrem Einsatz für die Mittelständler gepunktet. Auch das Versprechen von Steuererleichterungen für die Mittelschicht dürfe eine Rolle gespielt haben. Dem Paradox des liberalen Sieges mitten in der Wirtschaftskrise widmet sich auch Kommentator Laurent Joffrin in Libération. Eine Ursache sei die Anpassung der SPD, die durch die Große Koalition links neben sich viel Spielraum im politischen Lager gelassen habe. Dort konnte die Linkspartei erstarken. Um jedoch den Liberalismus zu besiegen, müssen die linken Parteien einig und glaubwürdig seien. Doch ein Dialog kam nicht zustande, stattdessen streiten die linken Formationen. Dies sei diesseits und jenseits des Rheins zu beobachten.
Die Dauphine liberé widmet sich den Parralelen und Unterschieden in Deutschland und Frankreich. Hier wie dort sei eine handlungsfähige konservative Partei an der Macht und eine Linke, die zerrissen ist. Allerdings bleibe Angela Merkel das Gegenteil von Nicolas Sarkozy. Dem Bling Bling ihres französischen Kollegen steht ihre protestantische Strenge gegenüber und seinem ungebremsten Durchsetzungswillen ihre zurückhaltende Art. Die Frage sei, ob sie in ihrer zweiten Kanzlerschaft so fortfahre oder man einen Rechtsschwenk erwarten müsse.

Interview mit Deutschland-Kenner Alfred Grosser
Deutschland-Dossier von Le Temps, Genève


Nicolas Sarkozy gratulierte gestern der "très chère Angela", die er kürzlich in Pittsburg traf Foto: Regierungonline/Bergmann

Kommentare:

  1. Die Frage, wie sich alles entwickeln wird, stellt man sich hoffentlich nicht nur in Frankreich. Aber scheinbar sind die meisten (Zeitungen) eher zufrieden mit dem Ausgang. Oder täuscht das??

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  2. Also in Frankreich sind die Zeitungen eher abwartend. Nur die Wirtschaftszeitungen spenden ungeteilten Beifall. Ansonsten kommt Angela Merkel gut an, ihre Geschichte wird in vielen Zeitungen nochmals wiedergegeben. Vor allem ihre nüchterne Art wird von vielen Franzosen geschätzt, da sie so gegensätzlich zu Nicolas Sarkozy ist. Außerdem hätten die Französinnen auch gerne eine Präsidentin.
    In Deutschland finde ich die Reaktionen gemischt, je nach politischer Orientierung...

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